Manuela Wetzel Autorin  

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»»Kurzgeschichte: "Bei Mutter"

Bei Mutter            E R W A C H S E N E

aus der Anthologie: " Herzumschlungen"Hrsg. Cornelia Christina Neid
ISBN 978-3-9811207-3-8, ersch
ienen 2009 im Wolkenreiter Verlag  

Ich finde beide im Garten auf der alten Holzbank sitzend. Sylvia hat Mutter eine Wolldecke über Schoß und Beine gelegt.
„Heute ist ein herrlicher Herbsttag, wahrscheinlich einer der letzten in diesem Jahr", begrüßt mich meine Schwester. Obwohl sie sich nie beklagt, weiß ich, wie knapp bemessen ihre Freizeit ist.
„Ich setze mich eine Weile zu ihr, geh ruhig", sage ich und Sylvia nickt dankbar.
Zuerst sitzen Mutter und ich einfach nur still nebeneinander. Mein Tag war anstrengend, wie gewöhnlich gab es viel zu erledigen.
Für einige Minuten schließe ich die Augen und genieße die Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht.
„Das Wochenende steht schon wieder vor der Tür. Mein Gott, wie die Zeit vergeht!"
Ich schaue zu Mutter.
Mutter sieht auf den Rasen.
„Timo macht gerade eine schwierige Phase durch, bringt Vierer und Fünfer nach Hause,  verhält sich flegelhaft, wie ein kleiner Halbstarker. Ich kann ihm jetzt kaum mehr helfen. Was die Kinder heute alles lernen müssen!"Schnell schiebe ich den Gedanken beiseite und wechsele das Thema.
„Manfred geht es gut. Er hat einige Neukunden gewonnen. Das freut mich, wo er doch so hart dafür gearbeitet hat."
Mutter sitzt regungslos an meiner Seite und blickt unverwandt auf den Rasen.
„Schau mal, dort drüben blühen die letzten Astern. Sind sie nicht wunderschön?", versuche ich Mutter aus ihrer Versenkung zu holen. Ich lasse meinen Blick über das Blumenbeet schweifen.
„Wir verbringen kaum noch Zeit miteinander, Manfred und ich. Er sorgt gut für uns, aber Mutter, Geld ist nicht alles im Leben."
Einen Moment zögere ich. Dann rede ich weiter: „Es gibt jemanden. Er hört mir zu, nimmt sich Zeit für mich. Ich weiß selbst, dass es nicht richtig ist. So vieles erinnert an die Anfangszeit mit Manfred. Wir gehen stundenlang spazieren. Es ist wirklich nicht nur das Eine. Ja, es ist passiert. Einerseits schäme ich mich, andererseits..."Ich halte inne.
Mutter starrt noch immer ausdruckslos vor sich hin.
„Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte." sage ich leise zu mir selbst.
Da hebt Mutter den Blick vom Rasen und dreht den Kopf in meine Richtung: „Ich muss die Schiefertafel noch putzen!"
Verständnisvoll lächele ich ihr zu: „Ja, ich weiß."
Nun sieht sie mir direkt in die Augen, interessiert, beinahe neugierig.
„Entschuldigen Sie Fräulein, haben Sie meinen Bruder gesehen? Er ist blond, einen Kopf kleiner als ich."
„Nein, tut mir wirklich leid."
Behutsam streichele ich über Mutters Hand, um ihr wenigsten auf dieses Weise nah zu sein. Doch sie zieht abrupt ihre Finger weg, herrscht mich an:
 
„Wer sind Sie überhaupt!"
„Niemand... Entschuldigen Sie bitte", erwidere ich und
wende mich ab. Schnell wische ich mir mit dem Jackenärmel eine Träne weg.
„Ach Mutter, wo bist du nur?", frage ich so leise, dass sie mich nicht hören kann.
Den restlichen Nachmittag verbringen wir schweigend im Garten auf der alten Holzbank sitzend.

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