Manuela Wetzel Autorin  

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Morgenschnee                 E R W A C H S E N E

aus der Anthologie: " Unter dem Zauberbaum"Hrsg. Cornelia Christina Neid
ISBN 978-3-9811207-2-1, ersch
ienen 2008 im Wolkenreiter Verlag  

 

Nach einem Rest Frühling brach der Sommer an, doch in diesem Jahr konnte er Anna nicht wärmen. Selbst Sonnenstrahlen besaßen nicht die Kraft, um zu ihr vorzudringen. Narzissen und Tulpen verblühten, ohne dass die alte Dame etwas davon bemerkte. Als die Rosen, die sie vor vielen Jahren liebevoll in ihrem kleinen Bauerngarten gepflanzt hatte, Knospen ausbildeten und sich schließlich in voller Schönheit zeigten, starrte sie noch immer nahezu den ganzen Tag apathisch auf das vergilbte Hochzeitsfoto, das auf der alten Holzkommode in ihrer Wohnstube stand.

Auch im September änderte sich daran wenig, obwohl dieser stürmisch an Annas weißem Haar zog, als wolle er sie wachrütteln. Ein lähmender Schmerz hielt die hagere Zweiundsiebzigjährige seit dem Tod ihres Mannes gefangen. Erst der Oktober brachte heilsame Trauer und die Erinnerungen an die letzten gemeinsamen Wochen zurück. Nach fast fünfzig Ehejahren hatte Anna an Eduards Krankenbett gesessen, den kalten Schweiß von seiner Stirn getupft und ihn gepflegt, so gut es ihr trotz eigener Gebrechen möglich gewesen war. Nun, viele Monate nachdem er verstorben war, sorgten seine letzten Worte für eine sonderbare Wandlung. Anna  begann sich mehr und mehr nach dem Winter  zu sehnen. Dabei hatte sie diese Jahreszeit ihr Leben lang gehasst. Noch heute erinnerte sie sich daran, wie sie als junges Mädchen die Zähne zusammen gebissen hatte, wenn sie bei Eis und Schnee den langen Schulweg zurücklegen musste.  Langsam aber unaufhaltsam war die beißende Kälte in ihre dünnen Halbschuhe gekrochen. Auch später fand sie keinen Gefallen an der vierten Jahreszeit, die  immer häufiger Regen statt Schnee brachte und die Menschen in ihre Häuser zwang. In den letzten Jahren hatte der Winter sogar etwas Bedrohliches bekommen. Seit sich Anna beim Gehen auf einen Stock stützen musste, stellen vereiste Treppen und Gehwege eine ernstzunehmende Gefahr dar. Ein unglücklicher Sturz konnte von einem Augenblick zum anderen aus einer betagten Dame eine pflegebedürftige Alte machen.
Ihr Leben lang hätte Anna gerne auf den Winter verzichtet, nun aber saß sie stundenlang am Fenster und hielt Ausschau nach dem eisigen Zauberer. Im Sterbebett hatte Eduard ihr versprochen, bei jedem Morgenschnee zurückzukehren, um wie in alten Zeiten mit ihr zu tanzen. Für morgen war ein Kälteeinbruch gemeldet und hielten die Niederschläge an, bestand berechtigte Hoffnung auf Schnee. Vielleicht würde ihre Sehnsucht schon bald mit weißen Flocken davonfliegen.

Als Anna erwachte, lag die Dunkelheit noch über dem jungen Morgen. Langsam ging sie ins Bad, wusch ihren knochigen Körper und cremte sich von Kopf bis Fuß ein. Sie mochte den leichten, blumigen Duft, den die weiße Milch auf ihrer faltigen Haut zurückließ. Ohne Hast kämmte Anna ihr langes Haar und flocht es zu einem Zopf. Anschließend malte sie einen Hauch Rosa auf ihren schmalen Mund.
"
Für Eduard", dachte sie, während sie ihrem Spiegelbild zulächelte. Sie musste nicht nachsehen, ob es über Nacht tatsächlich geschneit hatte, denn sie fühlte, dass heute jener lang ersehnte Tag war.
Sie ging zurück ins Schlafzimmer, nahm ein dunkelgraues Strickkleid aus ihrem Kleiderschrank, streifte es vom Bügel und strich mit der Hand über die feinen Maschen. Dann kleidete sie sich in aller Ruhe an. In Kombination mit den orthopädischen Winterstiefeln, die Annas Füßen ausreichend Halt gaben, verlor das Kleid erheblich an Eleganz, aber das Meiste davon würde sowieso von ihrem langen Mantel verdeckt werden.  

Es dämmerte bereits, als Anna die Terrassentür öffnete und nach draußen trat. Das blasgrüne Gras, die Büsche, Sträucher und Rosenstöcke, der gewundene Kiesweg und sogar die wenigen Stufen hinab zum Garten waren mit einer dünnen Schicht Schnee bedeckt. Zum ersten Mal seit fast einem Jahr erinnerte sich Anna daran, wie glücklich sie in dieser kleinen Oase während des Pflanzens und Jätens gewesen war. Vorsichtig schritt sie die Treppe hinab und folgte dem schmalen Weg, bis sie auf einer freien Rasenfläche angelangt war. Dort blickte Anna in den Himmel.

Weiße Punkte fielen scheinbar direkt aus dem Himmelsgrau auf ihr Gesicht. Anna verdrängte die aufkommenden Zweifel. Sie hatte bereits an so vieles geglaubt und wer wusste schon, wozu die Liebe Menschen befähigte?
„Wollen wir mit einem Walzer beginnen?", hauchte sie zärtlich den Flocken entgegen. Dann bewegte sie sich zögerlich vor und zurück, als stimme sie sich auf eine Musik ein, die nur sie allein hören konnte. Unsicher trat sie mit ihrem rechten Fuß zur Seite, zog dann den linken nach und setzte anschließend zu einer leichten Drehung an. Anfangs verschwanden die zaghaften Bewegungen unter dem schweren Stoff ihres Mantels. Doch dann schloss Anna die Augen und ihre Bewegungen wurden schwungvoller. Das schneebedeckte Gras verwandelte sich in einen ebenen Parkettboden, über den Anna beinahe mühelos gleiten konnte. Eisiger Wind tauchte ihre faltigen Wangen in dasselbe jugendliche Rosa, das Anna auf  ihren Lippen trug.
„ Hallo, mein Engel ", flüsterte sie leise und lächelte glückselig, während sie ihre linke Hand auf Eduards unsichtbare Schulter legte. Dann tanzte sie, wie von Geisterhand geführt, leichtfüßig über den Rasen, wirbelte herum und legte den Kopf in den Nacken. Sie spürte, wie Eduards Hand sie im Rücken stützte und sein Duft schien mit dem Schnee vom Himmel herabzufallen. Immerzu lächelte sie, während sie über den Rasen schwebte, und manchmal verlor sich ihr Blick verträumt im Nirgendwo.

Mit den ersten Geräuschen aus der Nachbarschaft  verschwand aller Zauber. Nun fiel der Schnee schwer und feucht. Erst jetzt spürte Anna, dass sie vor Kälte zitterte. Langsam ging sie zurück ins Haus. Sofort zog sie die feuchte Kleidung aus und setzte Teewasser auf. Keinesfalls wollte sie sich jetzt erkälten, denn bereits in  zweiundzwanzig Stunden konnte es wieder Morgenschnee geben.

veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verlags

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