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»»Kurzgeschichte: " Der Weihnachtsheld"
Der Weihnachtsheld K I N D E R
aus der Anthologie: " Fröhliche Weihnachten 2"Hg.Christine Bienert ISBN 978-3-939883-11-1, erschienen 2007 im Schmöker Verlag,

Bereits Ende November merkt man Opa eine gewisse Vorfreude an. Ein wenig gleicht er dann unseren Kindern Jonas und Julius, die ständig fragen, wie lang es denn noch dauert bis zum Heiligen Abend. Opa verschwindet in der Adventszeit häufig in seiner kleinen Einliegerwohnung, obwohl er sich dort das ganze Jahr eher ungern aufhält. An jedem 24. Dezember verabschiedet sich Opa frischrasiert und gestriegelt von uns. „Heute besuche ich meinen alten Freund Fritz.", erklärt er, wenn die Kinder wissen wollen, warum er noch kurz vor der Bescherung ausgeht. Keiner von uns hat Fritz jemals zu Gesicht bekommen, aber das kümmert die Kinder nicht. Viel zu sehr fiebern sie dem Moment entgegen, indem es an der Tür klopfen wird. Pfeifend verlässt Opa das Haus. Einige Sekunden erklingt die Melodie noch, doch dann wird es still. Während wir drinnen im Kreis der Familie beginnen, Weihnachtslieder anzustimmen, schleicht Opa auf leisen Sohlen in seine Wohnung. Er holt eine große Kiste hervor, nimmt eine rote Hose sowie einen gleichfarbigen Mantel heraus und geht ins Badezimmer.
Der Weihnachtsmann lässt sich auch von Jahr zu Jahr mehr Zeit, denke ich, als ich den Kindern zum wiederholten Mal erkläre, dass man sich an einem solchen Abend in Geduld üben muss. Schließlich erwarten alle denselben Gast. Endlich klopft es eindringlich an der Tür. Ein dunkles Hohoho ist zu vernehmen. Sogleich springen Jonas und Julius auf. „Der Weihnachtsmann ist da!", rufen sie aufgeregt. Als ich die Tür öffne, quillt mir ein überdimensionaler Wattebart entgegen. Mit festen Schritten stampft der Weihnachtsmann zielstrebig ins Wohnzimmer. „Hohoho!", ruft er, als er die Kinder erblickt. „Seit ihr zwei denn auch lieb gewesen?" Höflich biete ich ihm an, sich einen Moment zu setzen, nach dem beschwerlichen Weg, den er sicher hinter sich hat. Dankbar lässt er sich in den großen Ohrensessel fallen. Er atmet tief durch, was wohl zum Ausdruck bringen soll, dass ich mit meiner Annahme recht hatte. Jonas und Julius lassen ihren Weihnachtsmann nicht eine Sekunde aus den Augen. „So, dann kommt mal her ihr beiden!", fordert er sie auf. Er setzt Jonas auf sein rechtes und Julius auf sein linkes Bein. Das wird er nicht mehr viele Jahre machen können, geht es mir durch den Kopf. Jonas trägt drei Strophen eines Gesichts vor, das er eigens für den Weihnachtsmann auswendig gelernt hat. Dabei schaut er den weißbärtigen Alten ehrfurchtsvoll an. Im Anschluss singt Julius zwar ein wenig schief, aber aus voller Kehle, ein Weihnachtslied vor. „Das habt ihr ausgezeichnet gemacht!", lobt der Weihnachtsmann. „Dann wollen wir einmal nachschauen, ob sich in meinem Sack etwas für euch finden lässt." Er greift in den großen Jutesack und reicht den Kindern ihre Geschenke. Diese bedanken sich vor Freude strahlend und beginnen sofort mit dem Auspacken. Es ist schön, einfach dazusitzen und den Kindern zuzusehen. Ich zwinkere dem Alten unbemerkt zu. Nach einer Weile erhebt sich der Weihnachtsmann vom Sessel. „Ich muss nun wieder weiter, es warten noch andere Kinder auf mich!" Jonas und Julius drücken den seltenen Gast zum Abschied fest an sich. „Bis zum nächsten Jahr!", ruft dieser, als er bereits im Flur ist. „Halt, halt Weihnachtmann!" Julius holt ihn gerade noch in der Tür ein. „Ich habe schon einen Wunsch fürs nächste Jahr!" Der Weihnachtsmann zieht die Augenbrauen hoch. Julius tritt ganz nah an ihn heran. „Vielleicht muss der Opa ja nicht immer zum Fritz, wenn du da bist. Es wäre schön, wenn er im nächsten Jahr mit uns feiern könnte."
veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verlags
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